April 2017
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Eine Stadtautobahn und ihre Wirkung
Pastorin Anja Bloes beschreibt den Konflikt um die "Hafenquerspange", d.h. die Führung der Autobahn A 26 - Ost in Wilhelmsburg und reflektiert ihre Rolle im Konflikt.

Eine Stadtautobahn und ihre Wirkung.
Hintergrund und Info auf dem Marktplatz von Kirchdorf Süd

Projekt Hafenquerspange
Die Hafenquerspange (A26-Ost) ist ein Projekt, das seit über 40 Jahren in der Diskussion ist. Vor einem Jahr wurde die Stadtautobahn zur vordringlichen Bedarfssache des Bundes erklärt. Betroffen ist der Süden Hamburgs - von Moorburg bis Wilhelmsburg. 900 Millionen Euro übernimmt der Bund für die geplante 9,7 Kilometer lange Autobahn. Erfahrungen mit ähnlichen Projekten lassen weitaus höhere Kosten vermuten. Das müssten unabhängige Gutachter klären. Bei einer Informationsveranstaltung sprach das Ingenieursbüro, das für die Prüfung der Baumaßnahmen beauftragt ist, schon von „besonderen Herausforderungen“. Da wären Bodenbeschaffenheiten der Elbinsel und Probleme des Grundwasserspiegel, sowie mehrere Unter-/bzw. Überquerungen von Bahnschienen, von Wohnvierteln oder eines für die Insel überlebenswichtigen Wasserregulierungsgrabens. Um nur einige Beispiele zu nennen. Die nun notwendige Linienführung klang ein wenig nach Achterbahn. Was der Bund nicht zahlt, würde den Hamburger Haushalt belasten.

Betroffene und ihre Unterstützer formieren sich
Von Moorburg bis Wilhelmsburg formiert sich ein Bündnis, das die Planungen, Prognosen und Kostenschätzungen kritisch hinterfragt. Das Bündnis setzt sich für Mensch und Natur und zukunftsweisende Verkehrs- und Stadtplanung ein. Die AG Kirchdorf Süd (Zusammenschluss sozialer Einrichtungen) solidarisiert sich zeitgleich mit den 6000 Bewohner*innen der vor 40 Jahren entstandenen Großsiedlung im Süden von Wilhelmsburg. Die Ev.-luth. Kirchengemeinde Kirchdorf gehört zur AG. Ein Viertel ihrer Gemeindeglieder lebt in Kirchdorf Süd. Doch das Wohl gilt allen Bewohner*innen (70 % Migrationshintergrund, 36 Sprachen, 40 % SGB II Empfänger). Als Pastorin für den Stadtteil vertrete ich die Kirche in der Autobahndiskussion. Mit anderen zusammen nehme ich die Menschen, die die Auswirkungen zu spüren bekommen, in den Blick. Sie sind zu informieren und zu unterstützen. Schon die Art der Ansprache ist wichtig. Die komplizierten mehrseitigen Schriften in Juristendeutsch sind mit eindrucksvollen Zahlen unterfüttert. Doch die Papiere sind eher für Experten lesbar und verstehbar. So konkret die Auswirkung einer Stadtautobahn ist, so komplex ist eben das Thema hinter solcher Hafenquerspange. Da braucht es „Übersetzung“ und verständliche Sprache. In der AG Kirchdorf Süd konzentrieren wir uns auf das Konkrete. Doch arbeitsteilig sind im größeren Bündnis Bürger*innen mit verkehrspolitischem Fachwissen und juristischem Scharfsinn engagiert.

Für Kirchdorf Süd war ein erster Schritt, das Autobahnprojekt den Bewohner*innen verständlich darzustellen. Dazu haben drei Frauen ein maßstabsgetreues Modell in Miniaturgröße gebaut. Die vierspurige Autobahn, die Zufahrtstraße, der beachtliche Verkehrsknoten, das alles ist 200 Meter von der Großsiedlung, der Schule „Stübenhofer Weg“ und dem Kinderbauernhof entfernt. Die Reaktionen der Bewohner*innen, wenn wir mit dem Modell auf dem Marktplatz stehen, sind eindeutig: „Nein zur Autobahn!“ Der Ärger macht sich Luft: „Das geht doch nicht!“ Die Frage, ob schon alles entschieden sei: „Wo können wir dagegen unterschreiben?“ Denn, was das Leben an einer Autobahn bedeutet, wissen die Menschen. Der Lärmschutz zur A1 (bekannt bei der Auffahrt Stillhorn) ist bis heute, nach 40 Jahren, nicht gewährleistet.

Das Planfeststellungsverfahren zur A26 – Ost wurde in drei Abschnitte unterteilt. Das ist eigentlich unüblich. Es wird vermutet, dass bewusst ein kurzer, dünnbesiedelter erster Abschnitt gewählt wurde, in dem kaum Klagebefugte leben. Der Europäische Gerichtshof räumt allerdings Naturschutzverbänden seit 2011 Klagebefugnis ein. Für den ersten Abschnitt von der A7 bis zum Moorburger Hauptdeich begann die Einwendungsfrist mit (!) den Märzferien und endet bereits am 18. April (Osterwoche). Da mit dem 1. Abschnitt ggf. Fakten geschaffen werden soll, müssen später betroffene Abschnitte schon jetzt ihr Recht auf Einwendungen nutzen. Der 2. Abschnitt betrifft Moorburg und geht direkt an der denkmalgeschützten St. Maria-Magdalen-Kirche vorbei. Im 3. Abschnitt ist u.a. Kirchdorf Süd unmittelbar betroffen.

Als Pastorin in der Pflicht
Als Pastorin lebe und arbeite ich in Wilhelmsburg, bin „nah dran“. Die A26-Ost berührt viele Themen, mit denen wir uns als Kirche beschäftigen: Menschenwürde, Frieden (im Zusammenleben), (soziale) Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Die Nordkirche hat zu diesen Themen gerade eine Erklärung abgegeben. (Landessynode in Lübeck-Travemünde am 3. März 2017) Auch jede alternative Route müsste sich an diesen Kriterien messen lassen. Die einzige Lösung wäre wohl immer vollständige Untertunnelung, wo Wohnbevölkerung betroffen ist.

Die Begründungen zur Stadtautobahn A26-Ost beruhen indes auf Prognosen, die so nicht mehr zu halten sind. Inzwischen gelten zum Beispiel die Zahlen zum Hafenumschlag als viel zu hoch. Die Warenströme verschieben sich. China setzt zukünftig auf Piräus als Transithafen. Außerdem sind in den vergangenen Jahren das Wohnraumthema und die Luftverschmutzung stärker in den Fokus städtebaulichen Handelns gerückt. Geld scheint genug da zu sein. Doch wofür werden die Steuergelder des Bundes und des Hamburger Haushalts eingesetzt? Das finde ich eine wichtige Frage.

Wer sich ausführlich informieren möchte, kann das tun unter: www.verkehrswende-hamburg.net

Anja Blös (Pastorin Region Wilhelmsburg), bloes.wilhelmsburg@kirche-hamburg.de

 
 
 
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